(Am besten im Kontext von Zwei Sichten auf die Welt – und wenig Schnittmenge oder Feudalismus, Macht und Gewalt lesen, weil da stecken die Perspektiven drin.)
Auch wenn die wissenschaftliche Basis dünn ist, können die meisten von uns das Komfort-Zonen-Modell fühlen. Es gibt verschiedene Varianten, die im Netz und Literatur kursieren, ich nehme hier die Variante mit der Komfort-Zone, der Lern-Zone und dem Bereich der Panik danach.
Komfort-Zonen-Modell 1.0
Der Gedanke dahinter ist einfach und passt auch ganz gut zu Carol Dweck mit ihrem “Fixed vs. Growth Mindset”. Wenn ich nur in meiner Komfort-Zone bleibe, dann schrumpft die. Wenn ich versuche meine Komfort-Zone vorsichtig zu dehnen, dann komme ich immer wieder in die Lern-Zone (aber ich vermeide die Panik-Zone) und dann wachsen Komfort-Zone und Lern-Zone immer mehr.
Das ist neurologisch auch völlig klar, denn alles was nicht-vertraut ist, macht uns Angst (also Gecko oder Panik-Zone). Je vertrauter es wird, desto entspannter sind wir.
Lernen wir sogar das Lernen selbst, dann wird auch das Lernen (die Veränderung, oder hier die Ausdehnung der Zonen) vertraut und wir sind selbst beim Entdecken entspannt.

Klingt cool, richtig?
Und so schrecklich einfach. Aber warum funktioniert das bei manchen Dingen und manchmal so gar nicht? Kann es sein, dass da noch eine Perspektive, oder eine Dimension, fehlt?
Der blinde Fleck: Limbi
Wenn wir nur den Neocortex anschauen – uns also als intelligente Maschine sehen –, dann passt das hervorragend. Nehmen wir aber ein sehr einfaches Modell vom Gehirn, indem wir schon in unterschiedliche Funktionen unterteilen, dann sieht es anders aus.

Dieses Modell ist auch schon ein bisschen älter, aber reicht hier völlig aus und es ist leichter zu verstehen, als aktuelle Netzwerk-Prediction-Modelle.
Der Grundgedanke ist, dass wir den Neocortex für die Ratio haben, also das ganze bewusste Denken und Entscheiden. Das ist super und der Teil, der in Erziehung und Ausbildung benutzt wird. Der zivilisierte Blick auf Menschen ist: Alles soll Neocortex sein und den Rest am besten unterdrücken.
Der zweite Teil – unser Limbi, also die limbischen Sub-Systeme – sind unsere emotionale oder soziale Intelligenz. Dieser Teil im Gehirn ist hervorragend für alles, was Beziehung oder Zusammenhalt in der Gruppe angeht. Hier geht es um die Erfüllung der emotionalen oder psychologischen Grundbedürfnisse. Nicht nur von mir, sondern von allen in der Gruppe – im System –, denn die Erfüllung der Grundbedürfnisse kann nur im sozialen Kontext gelingen. Nie alleine für sich.
In der zivilisierten Welt, wollen wir das aber unterdrücken, weil dieser Teil nicht zu kontrollieren oder zu steuern ist. Er macht einfach sein Ding. Deswegen ist es in der zivilisierten Welt seit vielen Jahrhunderten die größte Tugend, wenn man den Teil abschaltet. Traditionell für Männer noch mehr, als für Frauen. Und für die Adligen noch mehr, als das Volk.
Das Problem: Wenn Limbi unterdrückt wird, geht er (oder sie) in den Widerstand. Limbi behält die Zügel in der Hand (weil Limbi zu großen Teilen entscheidet, welche Informationen überhaupt im Neocortex ankommen), aber er arbeitet eher gegen unsere bewussten Entscheidungen. Wir sind in der Zerrissenheit.
Und wird unser Limbi abgelehnt, dann sind wir innen nicht safe. Wir sind ja irgendwie falsch. Also leben wir in der Angst. Unser Gecko ist auch die ganze Zeit aktiv. Wir sind überall bedroht, vor allem da, wo wir eigentlich sicher sein sollten.
Modell-Update: Version 2.0
Wenn wir das Weltbild also mit einbeziehen, dann bekommen wir ein neues Modell. Wir stellen das mal in drei Stufen dar.
Die erste Stufe ist “die Welt ist feindlich”. Es ist überall Gefahr. Unser Gecko läuft fortwährend. Immer und überall. Wir sind im Überlebensmodus. Die Komfort-Zone ist nicht sicher, sondern nur eine bekannte Gefahr.
Die Grundannahme in dieser Weltsicht ist: Wenn es in meiner Komfort-Zone schon so schlimm ist, dann ist es überall sonst noch viel schlimmer. Und der Randbereich ist “Coping”. Also wie kann ich Gefahr und alles unbekannte Betäuben oder Ausblenden.
Weltbild-Update verpasst
Dieser Zustand ist – in verschiedenen Varianten und Ausprägungen – sehr weit verbreitet. Wir können davon ausgehen, dass ca. 80% der Menschen in dieser Weltsicht leben.
Der Grund ist, dass sie keine Chance hatten, ihr Weltbild zu aktualisieren. Unser initiales Weltbild wird in der Kindheit gebaut. Besonders zwischen 7-12 Jahren. Wenn wir das überlebt haben, sagt unser Gehirn “gut, jetzt wissen wir, was funktioniert um am Leben zu bleiben”. Dabei geht es wenig darum, was sich gut anfühlt, sondern was funktioniert. Danach gilt: “Was vertraut ist, ist gut. Das wiederholen wir.”
Da wir diese Zeit in der Herkunftsfamilie verbringen, gibt es danach noch eine zweite Chance. Zwischen 12 und 16 Jahren haben wir die Möglichkeit auf ein Update. In dem Alter sind wir “erwachsen” und sollten die Herkunftsfamilie verlassen. So haben wir über mehrere Jahre die Chance eine zweite Meinung, eine weitere Perspektive auf das Leben zu bekommen. Da können wir alles hinterfragen, was wir bis dahin gelernt haben. Was dem Update standhält, darf bleiben, alles andere wird aktualisiert.
Danach findet dann (so ca. bis 25 Jahre) der Rückbau aller ungenutzten Bereiche statt.
Dieses Hinterfragen kennen viele von Teenagern. Der Grundmechanismus ist noch da und funktioniert auch noch. Nur leider gibt es keinen Kontextwechsel. Wir stecken in derselben Herkunftsfamilie fest, in den Schulen oder auch in den Cliquen und Peer-Groups. Manche Generationen versuchen eine Rebellion, aber meistens bleiben nur die richtigen Fragen, aber die neuen Antworten fehlen. So verpassen wir das Update und stecken im zu kleinen Weltbild fest.
Die Plastizität des Gehirns bleibt. Wir können also jederzeit unser Weltbild aktualisieren, aber es ist viel anstrengender. Es kostet viel mehr Energie. Schlauer wäre es, dass wir mit der Biologie handeln, als ständig gegen sie und die Energie und Chancen nutzen.
Die zweite Stufe basiert auf einer einfachen Annahme: Was wäre wenn, wenn ich einfach Pech hatte (“die Welt ist unfair”) und es gab unverhältnismäßig viel Gefahr in meiner “sicheren Zone”. Ich bin da aufgewachsen, wo Gefahr war, aber es kann Teile der Welt geben, die viel sicherer sind. Damit habe ich einen Antrieb, meine Komfort-Zone zu vergrößern. Ich möchte ohnehin Wachsen, weswegen die nächste Zone meine Wachstums-Zone ist.

Wenn wir in der dritten Stufe den wirklichen Weltbild-Wechsel machen (von der feindlichen/gefährlichen Welt in die freundliche Welt), dann bedeutet das nicht, dass wir naiv glauben, dass alles Ponyhof ist. Aber wir haben ein klares Bild (und gute Werkzeuge) wo Gefahr herrscht und wo nicht. Wir können Gefahr von weitem erkennen.
Für die restlichen Bereiche treibt uns die Neugier. Es gibt einen großen Bereich, der uns vertraut ist, einen Bereiche, indem uns das Lernen Freude macht (lernen kommt aus der Freude, nicht aus der Not) und der Rest ist Abenteuer und Entdeckung.
In dieser dritten Stufe ist unser Limbi aktiv und in der Balance. Wir sind im Lebens-Modus, nicht im Überlebensmodus. Das gilt für ungefähr 2% der Menschen.
Aber es gibt keinen Grund, dass wir nicht dazugehören.

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