Um Organisationen und Gesellschaft jetzt zu verstehen – vor allem die aktuellen Probleme – müssen wir Feudalismus verstehen.
Jetzt denkst du “Was ist denn mit Feudalismus? Den gibt’s doch schon lange nicht mehr.”

Und das ist richtig. Die Systeme haben sich geändert, aber die Denk-Muster sind geblieben. Vieles was wir für “Naturgesetze” halten, sind nur Gewohnheiten. Dinge, die wir solange auf eine Art machen, dass sie kollektives Weltbild geworden sind, und wir vergessen haben, dass es Alternativen gibt.
Meine Kritik
Feudalismus ist im Kern unmoralisch und asozial. Das ist seine “Stärke”, seine Funktion, sein Kernelement. Auch das ist wichtig zu verstehen. Denn es ist ein Unterschied, ob etwas ein zentrales Feature ist oder ein unerwünschter Seiteneffekt.
Im Sinne einer invasiven Art (das haben wir besonders gut in der europäischen Kolonialisierung der Welt gesehen) funktioniert es super. Wenn ich andere Völker oder Kulturen überrennen möchte, dann ist ein unmoralisches (skrupelloses) Verhalten nützlich.
Zum Zweck einer glücklichen und stabilen Gesellschaft (“Was ist das Beste für das System?”) ist er ungeeignet. Wir werden noch sehen warum.
Wie funktioniert das im Kern?
Der Feudalismus basiert auf der Annahme, dass es wenige auserwählte Menschen gibt und alle anderen. Die Auserwählten dürfen über die anderen herrschen. Es gibt Menschen die Macht haben und andere die dienen müssen. Die einen bestimmen, die anderen werden ausgebeutet. Das ist die “göttliche Ordnung”, also es ist okay.
Und genaugenommen waren nur die privilegierten wirklich Menschen. Die anderen waren etwas anderes.
Beim Adel war das auf Basis der Geburt, später kam Bildung oder eine beliebige andere Begründung dazu.
Gewalt wurde strukturiert
Bevor wir alles schlecht machen, können wir uns auch die Gründe anschauen, warum es so stabil und funktional ist.
In Systemen von Angst, Gewalt und Unsicherheit, ist es gut der Gewalt eine Struktur zu geben. Die einen dürfen Gewalt anwenden, die anderen nicht. Für Europa können wir sagen: ca. 1% waren privilegiert. Also 1% Adel. Und die durften Gewalt anwenden. Die sollten für Ordnung sorgen. Die haben die Regeln erdacht und durchgesetzt. (Dann gab es noch ein bisschen Klerus und freien Bürger. Aber auch da kann man ähnlich unterscheiden, wenige Reiche und die Meisten mussten sich selbst versklaven.)
Wir haben also 1-2% die direkt profitieren, aber auch die Verantwortung tragen (das sind dann die Eltern im System) und die anderen 98% werden infantilisiert oder rechtlich eher den Tieren gleichgestellt (speziell bei den Leibeigenen). Es ist also ein Tausch von Freiheit und Wert für eine Ordnung und einen gewissen Schutz.
Da sie aber nicht wirklich wertvoll (als Menschen) waren, war auch der Schutz eher abstrakt. (Ja, da schwingt schon ein bisschen Kritik mit. Gerade aus Sicht des Grundgesetzes und unserer Vorstellung von Freiheit. Aber die gab es da ja noch nicht.)
Die Gewohnheit der Entmenschlichung
Wir sehen: Der Erfolgsfaktor ist die Entmenschlichung. Ich kann nur ausbeuten, wenn ich vorher entmenschliche.
Und wenn sich die Form inzwischen völlig verändert hat, so bestehen Denkmuster, die über 70 oder 90 Generationen stabil waren, lange weiter.
Und diese Entmenschlichung finden wir in unterschiedlichen Formen. Einmal geht es darum, dass wir Menschen ihren Wert absprechen aufgrund von Fehlverhalten, Herkunft, Stereotypen. Das muss jetzt nicht mal ein absoluter Werteverlust sein, wie wir das aus dem Feudalismus kennen oder gerade in einigen feministischen Posts immer wieder lesen. Aktuell kritischer sind die kleinen Abstufungen im Wert. Und oft aufgrund der eigenen Gefühle oder Weltsicht.
Das Zweite ist unser permanente Kampf gegen die “menschliche Natur”. Für uns ist es völlig normal, dass Regeln über körperlichen und emotionalen Bedürfnissen stehen. Wir haben den tiefen Glauben, dass unsere Gesellschaft kollabiert, wenn wir nicht gegen unsere Menschlichkeit arbeiten und sie unterdrücken. Das fängt spätestens in der Schule an. Wir finden es völlig normal, dass wir wie Maschinen der zweifelhaften Regel der Pünktlichkeit folgen. Das sit nur ein einfaches Beispiel.
Relikte
Überall wo wir noch diese Strukturen sehen, wissen wir, dass wir noch diese Denkmuster haben. Vielleicht hinter einer netten Fassade versteckt, aber sie sind da.
Beim Militär finden wir die Offiziere und die Soldaten. Und es geht um Gehorsam (Befehle). “Du musst tun, was ich sage, nur weil ich die Macht über dich habe.”
In Unternehmen haben wir die CxOs, was auch Offiziere sind. Wir haben das Management und die Fachkräfte. Und die Idee von “disziplinarischen” Vorgesetzten ist feudalistisch.

Schaut eure Umgebung an und ihr werdet feststellen, dass wir fast überall feudalistische Strukturen haben, obwohl wir “eigentlich” in einer Demokratie leben.
Wir finden es schon in den meisten Familien und auch den Schulen. Feudalismus ist ein Weltbild. Und die erste Prägung ist, auf welcher Seite ich stehe. Erlebe ich, dass jemand Macht über mich hat?
Um die Feudalismus-Denke zu erkennen, können wir unsere Vorstellung von Macht und Gewalt als Marker – als Warnlampen – nehmen.
Macht & Gewalt
“Macht ist die Fähigkeit, den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen.” (Max Weber) Das ist erstmal neutral beschrieben. Da steckt noch kein Urteil drin, ob das gut oder schlecht ist.
“Macht ist überall dort, wo Verhalten beeinflusst wird – oft unsichtbar, durch Normen, Erwartungen, Strukturen.” (Michel Foucault)
Und wenn wir neurologisch, emotional und sozial darauf schauen, stellen wir fest, dass Macht mit Gewalt einhergeht. Also wir können dann leicht zwischen zwei Grundformen des Zusammenlebens unterscheiden: gewaltbasiert oder eben nicht.
Jetzt die erste Frage: Kennt jemand ein Wort für dieses “eben nicht”? Kennen wir Beispiele dafür? Glauben wir, dass es das geben kann?
Es sollte klar sein, worauf ich hinauswill. Die Feudalismus-Denke ist kollektives Weltbild geworden. Wir wissen gar nicht mehr, dass es anders sein kann. (Selbst als Menschen versucht haben Sozialismus und Kommunismus zu bauen, haben sie es in der Feudalismus-Denke getan. Es blieben Gewalt-Systeme.)
Damit wir eine sehr nützliche Definition von Gewalt kennenlernen können, machen wir einen Schnelldurchlauf, was wie aufeinander aufbaut.
- Purpose, oder unser gemeinsames Ziel: “Was ist das Beste für das System?”. Dieses Ziel (mit seiner spezifischen Ausprägung) ist ein globales Optimum (aus System-Sicht). In einem funktionalen System sucht nicht jede Person sein persönliches Optimum, sondern wir suchen das gemeinsame Optimum, weil wir wissen, dass das für uns alle der beste Zustand ist. Zusätzlich ist dieser Purpose auch die Grenze des Systems. Wir brauchen etwas, was das Innen und Außen definiert.
- Steht das Ziel fest, dann sollen wir die menschlichen (emotionalen, psychologischen, sozialen) Grundbedürfnisse kennen und mein Leben so gestalten, dass sie erfüllt werden. Die Grundbedürfnisse sind Verbundenheit und Gestaltung. Und ohne jede Überraschung sehen wir, dass beides sozial sinnvolle Grundbedürfnisse sind, denn sie fördern die Community Actualization, also die Entwicklung des Systems (der Gruppe, des Rudels) in seinen natürlichen besten Zustand.
- Verbundenheit braucht echte Beziehung und Beziehung braucht Vertrauen. Wir brauchen genug sichere Datenpunkte. Vor allem die Datenpunkte in den Momenten, wenn es darauf ankommt; wir also in Grenz- oder Belastungs-Situationen sind.
- Vertrauen braucht Grenzen. In der Feudalismus-Denke verwechseln wir Grenzen oft mit Regeln. Regeln sagen anderen, was sie tun sollen, damit es mir gut geht. Grenzen hingegen liegen vollständig in meiner Verantwortung. Ich weiß, was ich möchte und was nicht. Ich habe ein klares Bild von meinem sicheren System oder Entfaltungsraum. Andere wissen es auch und meine Grenzen sind so definiert, dass ich sie jederzeit einhalten kann, ohne über andere fremdbestimmen zu müssen (also keine Regeln).
Grenzen: für alle die gleiche Freiheit. Regeln: für alle die gleiche Verletzung.
- Gewalt ist es, wenn ich am Schutz meiner Grenzen gehindert werde. “Gewalt ist eine Verletzung der Grundbedürfnisse, die ich nicht vermeiden kann. Ich kann meine Grenzen nicht schützen.” Ich definiere Grenzen so, dass ich sie jederzeit sicherstellen kann. Wenn ich daran gehindert werde, dann beginnt Gewalt. Beispiel: Ich will eine Situation verlassen und werde festgehalten. (Im Gegensatz ist ein “Hör jetzt auf mich zu nerven oder ich schlage dich” keine Grenze. Das ist selbst Gewalt.)
- Soziale Entwicklung (über Beziehung) ist es dann, wenn Grenzen (von zwei Menschen) aneinander reiben. Das ist ein Schleifprozess, der aus einem Diamanten einen Brillanten macht. Gewalt ist also die Verhinderung/Verletzung meiner Grenzen im Gegensatz dazu, dass ich in Beziehung mit anderen meine Grenzen teste und prüfe (und verändere).
Und damit haben wir die Antwort zu oben: Wir können Systeme bauen, die gewaltbasiert oder beziehungsbasiert sind. Im triadischen Modell vom Gehirn wäre gewaltbasiert der Gecko (Stammhirn, Reptilienhirn) und beziehungsbasiert dann der Limbi (das limbische System, bzw. eben die sieben Sub-Systeme). Denn im Limbi steckt die soziale Intelligenz. Wir haben sozusagen ein Gehirn dafür, dass wir funktionale Systeme bauen können. In Gewalt-Umgebungen ist dieser Teil unterdrückt und im negativen Bereich. Unser Limbi verschwindet dann nicht, wenn er unterdrückt wird, sondern wird destruktiv.

Spannung ist gut
Wir merken uns: Gewalt = jede Situation, in der ich meine Grenzen nicht wirksam schützen kann, und: Gesunde Beziehung = Reibung von Grenzen, die ich selbst regulieren kann. Also Grenzen sind nicht absolut.
Und im Gegensatz zu aktuellen Wahrnehmung ist nicht jede Spannung gleich Gewalt, sondern nur erzwungene Grenzverletzung ohne Ausweichmöglichkeit.
Im Gegenteil, Spannung ist ein wichtiges Element: “Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.” (GG Artikel 2)
Beziehung ist eine Verhandlungssituation. Ein Reiben und Schleifen, ein Lernen. Meine Grenzen und deine Grenzen. Alles ist gleichzeitig gültig. Und Beziehung funktioniert dann, wenn es eine gemeinsame Schnittmenge gibt. Vielleicht nicht an der Oberfläche, aber in der Tiefe. Beim Purpose. Sonst sind wir nicht in einem System.
Unser neues Modell hat drei große Stärken:
- Es ist erlebensbasiert
- Wir gehen nicht von äußeren Kategorien aus („legal/illegal“), sondern von: Handlungsfähigkeit, Selbstschutz, Autonomie. Wir sind also dicht am Menschen dran. (Nicht mehr gegen den Menschen und die Menschlichkeit, sondern wir integrieren das Wesen der Menschen.)
- Das macht Dinge sichtbar, die oft übersehen werden: emotionale Abhängigkeit, subtiler Druck, strukturelle Einschränkungen.
- Es integriert die drei Gewaltformen automatisch
- Was Johan Galtung bei seiner Definition von Gewalt getrennt hat, führen wir zusammen: direkte Gewalt → ich werde festgehalten; strukturelle Gewalt → ich kann faktisch nicht gehen; kulturelle Gewalt → ich „darf“ innerlich nicht gehen
- In unserem Modell ist alles das ein und dieselbe Kategorie: verhinderte Grenzsicherung
- Es macht Entwicklung erklärbar
- Das Bild mit dem „Diamanten“ und dem Schleifprozess ist interessant: Entwicklung = Grenzen reiben sich, aber bleiben regulierbar. Das ist ziemlich nah an modernen psychologischen Modellen: Wachstum entsteht durch Spannung + Sicherheit, nicht durch Zwang
Herausforderung
Natürlich soll ein neues Modell auch kritisch betrachtet werden. Wir sagen: „Ich definiere meine Grenzen so, dass ich sie jederzeit sicherstellen kann.“ Das ist ein hoher Anspruch. Aber wir wollen ja auch das feudalistische Denken entlarven. Also mal zwei Fragen als Check:
Frage 1: Ist das realistisch in sozialen Systemen?
In der Realität gibt es immer Situationen, wo Grenzen nicht vollständig kontrollierbar sind: Kind vs. Eltern; Mitarbeiter vs. Arbeitgeber; Bürger vs. Staat
Wenn man die neue Definition strikt nimmt, dann wären diese Systeme permanent gewaltförmig. Das ist nicht unbedingt falsch – aber es ist eine sehr starke Aussage.
Antwort: Ja. Denn in sozialen System gibt es kein “vs.”. Entweder sind wir nicht im selben System, weil wir unterschiedlichen Purpose haben, sonst haben wir eine Reibung, die wir nutzen könnten. Nur in “asozialen” Systemen geht es darum, dass eine Seite recht hat. Das Ziel dieser neuen Definition von Gewalt ist, dass genau das sichtbar wird. Was wir Feudalismus oder auch Patriarchat nennen, sind Systeme, die auf Angst und Gewalt basieren, weil wir in der Unsicherheit sind. Sicherheit geht aber nur über Beziehung. Beide Systeme sind okay, aber es muss sichtbar sein, wo ich bin. Und es muss Wahlmöglichkeiten geben.
Im Moment ist die Gesellschaft so gebaut, dass es für Menschen, die nicht in Angst-Systemen leben wollen, es keine Ausweichmöglichkeit gibt. Wir bieten keine Alternativen oder sicheren Systeme. Wenn beide Optionen zur Verfügung ständen, dann hätten wir eine Wahl und es wäre spannend zu sehen, was passiert.
Frage 2: Was ist mit inneren Grenzen?
Oft sind Grenzen nicht nur äußerlich blockiert, sondern innerlich: Angst, Bindung, Abhängigkeit, Konditionierung. Dann stellt sich die Frage: Ist Gewalt auch dann vorhanden, wenn ich könnte, aber innerlich nicht kann? Das neue Modell tendiert dazu, auch das einzuschließen – und damit wird es sehr weitreichend.
Antwort: Unbedingt ja. Genau das ist die Stärke des Modells. Wir wollen auch diesen Teil sichtbar machen. Die Kosten von Trauma liegen genau darin, dass sie auf Dauer Gewalt ausüben. Aus der Perspektive können wir dann auch entscheiden, was wirklich Trauma ist und haben ein Interesse daran, es aufzulösen.
Und es wird auch klar, wie und warum Trauma oft von außen “installiert” wird. Also wenn ich jemandem aufgrund von Gesetzten, Regeln, Normen, Moral meine Weltsicht, mein Trauma, überstülpe, dann ist das die Gewalt. Aus der Brille sehen wir leicht, dass wir viele Schutzmechanismen haben, die Gewalt ausüben.
Was nun?
Gegen 1600 Jahre Denkmuster kommen wir nicht leicht an. Da wird sich von heute auf morgen nichts ändern. Spannend ist, dass wir von unterschiedlichen Startpunkten zu ähnlichen Ergebnissen kommen, wenn wir tiefer hinschauen: „Patriarchat ist gut“, Zwei Sichten auf die Welt – und wenig Schnittmenge, Defensiveness – einfach kindisch, Wie ist denn er Mensch nun? Gut oder böse?.
Und natürlich alles zu Gecko und Limbi.
Im ersten Moment geht es allerdings nur um dich. Dass du merkst “Hey, es gibt eine Option. Ich hab’ das noch nie erlebt, aber ich spüre, dass ein Teil von mir das möchte. Und ich merke, dass es einige Fragen gibt, die ich nie gestellt habe, weil ich dachte ‘Die Welt ist halt so.’”
Also stell die Fragen. Stellen wir zusammen Fragen und probieren Alternativen aus.
(Wir hatten mit dem Thema schon mal in Feudalism: A Majority’s Perspective angefangen.)

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