Bevor ich anfange, ist eine Sache wichtig: “Ich liebe dich!”
Wenn wir über Ghosting, Avoidance, Verschwinden, Entfremdung und Schmerz reden, dann geht es darum, dass wir sehen, hören und verstehen. Aber nicht urteilen oder abwerten.
Alles was wir tun, erzählt unsere Geschichte. Es erzählt mehr über uns, als uns bewusst ist. Und das hier ist deine Geschichte, oder die Geschichte, die dir jemand erzählt hat.

Denn wie so viele Dinge, die verletzend sind, ist es meistens nicht böse gemeint. Avoidance und Ghosting kommt aus absoluter Verzweiflung. In diesen Menschen ist so viel Schmerz und Angst, dass in ihrer Welt überhaupt kein Platz und Wahrnehmung für was anderes ist. Und das alles unter einer netten Oberfläche.
Aber eins nach dem anderen.
Was wir sehen
Eben noch beste Freunde und dann im nächsten Moment unsichtbar. Noch weniger als Luft. So behandelt zu werden, fühlt sich nicht gut an.
Das kann nach einer ersten Begegnung voller Wärme und Herzlichkeit sein. Das kann nach paar Wochen voller Nähe sein. Das kann nach Jahren sein.
Es kann abrupt passieren. Es kann schleichend sterben. Oder es kann sein, dass die Oberfläche bleibt, aber im Innen was fehlt.

Oder es kann sein, dass wir gut starten, aber es nie tiefer geht. Immer an der Oberfläche bleibt. Bequem und nett. Irgendwo ist eine Mauer oder Maske, an der niemand vorbeikommt. Irgendwo ist da innen eine Tür, die nie geöffnet wird.
Ihr kennt das? Ihr macht das?
Was dahinter steckt:
„Ich will Nähe… aber nicht die Art, die mich verletzbar (schutzlos) macht.“ (Zug → Angst → Bremse)
„Wenn ich bleibe, verliere ich mich. Wenn ich gehe, verliere ich dich.“ (Doppelte Bedrohung)
„Ich weiß nicht, wer ich bin, wenn ich nicht kontrolliere.“ (Kontrolle der Wahrnehmung von mir = Identität)
„Ich will gesehen werden, aber nicht durchschaut.“ (Nähe ja – aber bitte gefiltert, kontrolliert)
„Ich kann nicht sagen, was ich fühle, weil ich es selber nicht aushalte.“ (Emotionales Überflutungsrisiko)
„Ich kann nicht sagen, was ich fühle, weil ich das nie durfte.“ (Innerlich verkümmert)
„Wenn ich verschwinde, tut es weniger weh, als wenn ich bleibe und es schiefgeht (du verschwindest).“ (Ghosting als präventiver Selbstschutz)
„Ich verlasse dich… bevor du herausfindest, dass ich nicht genug bin.“ (Kernwunde: Scham + Wertdefizit; verzweifelte Selbstbestimmung)
„Bevor mein letzter Funke Hoffnung stirbt, stirbst besser du.“ (Es gibt nur noch einen Anker, den wir nicht riskieren können)

Was passiert?
„Wer ghostet, flieht nicht vor dir — sondern vor dem, was in deiner Nähe in ihnen lebendig wurde.“
Stell dir vor du lebst die ganze Zeit im Dunkel. Dauer-Nebel-November. So ist dein Leben die ganze Zeit.
Und dann triffst du jemanden. Und innen ist plötzlich ein Sonnen-Sommertag. Das ist einfach wow. Es ist nicht das mit den Schmetterlingen oder Kakerlaken im Bauch. Also nicht eine Flucht-Kompensation. Nein, einfach mal okay. Nah. Kein Stress. Geborgen. Warme Decke.
Ihr habt das Bild, richtig?
So und nachdem wir das erlebt haben, gehen wir wieder ins Dunkel zurück. Wieder Dauer-Nebel-November. Der kalte Nebel legt sich um unser Herz. Nichts mehr warme Decke.

Wenn wir diesen Absturz erleben, dann kann leicht eine Sache “passieren”: Wir werden die Sonne meiden. Denn wir wissen, dass die Sonne nie ein Dauerzustand sein wird. Kälte ist unser Leben. Kälte ist unsere Realität. Alles andere ist nur dafür da, dass wir daran erinnert werden, dass es das für uns nicht gibt.
„Menschen fürchten nicht die Dunkelheit, sondern den Kontrast,
der entsteht, wenn sie kurz im Licht standen.“
Wie flüchten Menschen?
Es gibt natürlich eine Vielzahl von Strategien. Also was im Inneren passiert. Und auch im Außen kann es unterschiedlich sein.
Wir haben das Ghosting und Verschwinden. Aber auch “Princess-Treatment” ist Avoidance. Ich möchte die Balance stören. Ich bin ein emotionaler und materieller Staubsauger, der die Balance kippt.
Geld und Geschenke sind Beziehungskiller.
Also nicht, wenn wir in der totalen Hingabe sind, aber gerade in der Anfangsphase. Dabei geht es nur darum, dass Geld (denn Geschenke sind ja auch meistens nur eine andere Form von Geld) komprimierte Zeit sind.
Wenn wir uns 3 Stunden treffen, dann ist es 50:50. Beide investieren gleichviel. Alles ist gut. Aber wenn dann Geld oder Geschenke kommen, dann geht es ganz schnell in Richtung 95:5. Das sit nicht gesund. Und es ist im ersten Moment nicht sichtbar.
Das ist ein ganz praktisches Werkzeug, um aus Beziehung und Nähe zu entkommen. Der “Princess-Treatment” Modus macht es auch leicht, die Schuld dann noch dem anderen zu geben. “Der/die hat mich nicht genug wertgeschätzt.” Dabei wollte die andere Person vielleicht nur die Beziehung erhalten?
Dann haben wir die “Letzte Hoffnung”: Es ist nur noch ein Hauch Hoffnung da. Wenn die zerstört oder enttäuscht werden würde, dann gibt es nichts mehr, was mich am Leben hält. Also gehe ich das Risiko nicht ein.

Dann die Angst, dass der andere Mensch mich wirklich, wirklich bis auf den Grund sieht (also hinter meine Masken, Mauern, Rollen, Fassaden) und mich dann genauso sieht, wie ich mich sehe: Nur ein Haufen Kacke. Wer will schon mit einem Haufen Kacke zusammen sein, also werde ich wieder weggeschmissen.
Und wie ich diesen Abstand halten kann, dafür gibt es auch unzählige Techniken. Ich möchte kontrollieren, wie und was von mir gesehen wird. Also gebe ich nur Stückchen von mir. Oder ich lenke ab. Beides zusammen finden wir in der Sexualisierung. Das Konzept hinter Sexualisierung ist die Trennung von Körper und Seele. Dazu die tiefverwurzelte Überzeugung, dass nur ein Teil wertvoll ist. Also verkaufe ich mich zum maximalen Preis.
Die Überbetonung des Körpers ist schwierig, weil wir mit sehr kritischen Augen die ganze Zeit auf uns schauen. Denn was unser einziger Wert ist, muss perfekt sein. (Was auch dazu führt, dass wir unser Innen vernachlässigen und es meist in einem desolaten Zustand ist.)
Wir Menschen sind nicht für Spiegel gemacht (es gibt keine Spiegel in der Natur). Wir sollten uns durch die Augen von anderen sehen und würden feststellen, dass wir nie so wichtig sind, wie wir denken.
Wenn wir uns aber die ganze Zeit betrachten, sind unsere Ohren zu groß, die Augen zu eng, die Nase zu schief, die Haut zu unrein, die Haare sowieso immer falsch, die Arme zu schwächlich, die Füße zu platt, die Brust zu klein, usw. Egal wie wir schauen, wir werden was finden, was uns nicht gefällt. Manchmal auch, weil irgendwann jemand mal was Doofes dazu gesagt hat. Oder wir einfach nicht so aussehen, wie wir uns das in unserem Kopf vorstellen. Denn da sollen wir vermutlich eine Kopie von jemand anderem sein.
Die Ironie: Genau das, was dir an die nicht gefällt, wird jemand anderes lieben. Vielleicht genau deswegen, wird jemand denken: „Wow, bist du schön!“
Oder ich bin wirklich davon überzeugt, dass ich kein Glück verdiene. Deswegen verweigere ich es mir.
Von der unbekannten Nähe (für die ich eigentlich gemacht bin, aber nie erlebt habe), bin ich völlig überfordert. Überforderung ist Angst. Damit bin ich im Gecko-Modus: Freeze, Flight oder Fight.
Dabei sollten wir nicht nur an Freundschaften oder Partnerschaften denken. Wir haben es zwischen Eltern und Kindern genauso. Da können wir nicht ganz raus, aber eben die Nähe im Innen ist nicht da oder wird abgeschaltet.
Und in allen Fällen kann ich das überhaupt nicht wahrnehmen oder ausdrücken, was da in mir passiert. Dann kommt noch das “Ich möchte, dass du fühlst, wie ich mich fühle” dazu.

Wenn ich mich komplett von mir entfremdet fühle und du hast das gemacht. Du hast mich daran erinnert, dass ich von mir selbst entfremdet bin, dann sollst du dich genauso fühlen. Denn Entfremdung ist allein sein, Ablehnung.
Was wissen wir jetzt?
“Menschen die verschwinden lieben dich. Aber sie lieben sich selbst nicht.”
Das ist das eigentliche Problem. Du warst diesen Menschen näher, als sie sich selbst nah sein können. Du hast ihren Kern gesehen, ihren Diamanten. Ihre Identität. Doch weil sie nie gelernt haben, sich so zu sehen, erzeugst du eine Unstimmigkeit. Einer von euch beiden lügt: Entweder haben sie unrecht und sie sind gar nicht wertlos, oder du lügst. Entweder weil du dumm bist, oder weil du mit ihnen spielen möchtest und sie wieder verletzen wirst. Dieses “glaubst du wirklich ich habe das ernst gemeint?”.
“Die Nähe, die wir zu uns haben, ist die Obergrenze für alle anderen Kontakte. Niemand kann uns näher sein. Das werden wir verhindern. Mit allen Mitteln, die wir zur Verfügung haben.”
Ein Avoidant ghostet nicht den anderen Menschen. Er ghostet die Wahrnehmung des eigenen Schmerzes. Es geht darum, dass seine Defizite nicht sichtbar werden. (Auch hier nochmal zur Erinnerung: Das sehen wir auch bei Eltern! Und die Kinder von solchen Eltern werden das ihr Leben lang auch tun, es sei denn, sie entscheiden sich bewusst für was Neues.)
„Ich will Nähe, aber Nähe macht mich verletzbar.“
„Ich sehne mich nach Wärme, aber Wärme erinnert mich daran, wie kalt es in mir ist.“
„Ich will gesehen werden, aber bitte nicht so sehr, dass man mein Innen sieht.“
„Ich verschwinde, bevor du erkennst, wie wenig ich wert bin.“
„Wenn ich bleibe, verliere ich mich. Wenn ich gehe, verliere ich dich.“
Und ich fühle mich immer nicht genug oder zu viel. Erlebe ich Nähe, weckt diese die Hoffnung, dass ich doch was wert sein könnte. Daraus kommt der Konflikt: Der eine Teil hofft („ich bin wertvoll“) der andere Teil weiß („du bist ein wertloser Dreck“).
Ghosting ist die Bestrafung für die eigene Hoffnung.

Menschen ghosten, weil sie nicht zulassen können, was diese Hoffnung in ihnen ausgelöst hat. Manchmal ist es auch Rache. Manchmal Kontrolle. Manchmal Macht. Aber der Kern ist derselbe:
Ich bestrafe mich selbst dafür, dass ich geglaubt habe, etwas Schönes sei möglich.
Und ich bestrafe dich dafür, dass du mich daran erinnert hast.
Die leichte Lösung?
Wir denken, dass es leicht ist. Einfach verschwinden. Einfach ignorieren. Fertig.
Die Energie, die Ignorieren kostet ist extrem hoch. Und wie immer in der Balance ist sie ein Zeichen auf den inneren Zustand, die innere Verletzung.
Die Verletzung, die du spürst, wenn du unsichtbar wirst, ist immer kleiner, als die Verletzung im Innen, die zu dem Verhalten führt. Einfach gesagt: Im Ghostenden sieht es immer schlimmer aus, als im Geghosteten.
Also wenn du das nächste Mal ignoriert wirst, dann sieh es als Liebeserklärung. Es ist zwar dysfunktional, aber die beste Liebe, die die andere Person kennt.
Die tiefe Wahrheit
Avoidance ist ein innerer Konflikt. Unterschiedliche Teile in mir wollen unterschiedliche Dinge. Ich will diese Nähe, aber dann ist da gleichzeitig dieses „ich kann nicht“, „ich darf nicht“ und „ich bin nicht“.
Wir sehen in den Avoidance-Handlungen die Glaubenssätze in Aktion. Darunter ist das Weltbild: Und das ist „ich bin der einzige Mensch, der absolut nichts ist. Ich bin der Mensch ohne Diamanten. Mein Diamant war nie da, bei mir gibt es nur Schmerz, Dreck und Versagen. Und deswegen bohre ich nicht rein, weil ich weiß, dass darunter nichts ist.“
Alles, wirklich alles, was vermeidende Menschen tun – Rückzug, Ghosting, Ironie, Distanz, Selbstständigkeit, Perfektionismus, glatte Rollen – ist ein Versuch, Verletzlichkeit zu kontrollieren. Denn wir sehen Verletzlichkeit – die Abwesenheit von Mauern, Masken und Fassaden – als Schutzlosigkeit. Und dann sehen Menschen, wer ich wirklich bin.
Liebe
Liebe ist die Lösung. Aber auch die größte Angst. Denn echte Liebe löst ja die FLucht erst aus.
“Ich kann dich wirklich sehen. Die Rollen, die du spielst, den Schmerz, der dich lähmt und die Identität (der Diamant), die du bist und werden darfst.”
Liebe bewertet und urteilt nie. Sie sieht nur und wünscht (und hofft) das Beste.

Ein Mensch, der im Innen aber nur aus Abwertung, Angst und Verurteilen besteht, kann sich eine Begegnung ohne Urteil nicht vorstellen. Das ist die Zwickmühle. Deswegen ist das Beenden des Abwerten und Urteilens einer der wichtigsten Schritte zur Heilung. Ohne das, pendeln wir zwischen den verschiedenen Coping-Strategien hin und her.
Und jetzt kommt es – und ich weiß, das wird nicht reichen, dich zu überzeugen – in dem Moment, wo du die Nähe und Wärme gespürt hast, dieser eine flüchtige Moment, der all das in dir ausgelöst hat, das war die Resonanz deines Diamanten.
Das du ins Ghosting oder die Avoidance gehst, ist der Beweis, dass du okay bist. Es ist der Beweis, dass mit dir alles richtig ist. Du kannst es nur nicht sehen, weil du immer noch die Lüge über dich in dir trägst.
Du siehst dich immer noch durch die Augen der Menschen, die dich verletzt haben. Vermutlich, um dich zu beschützen.
Es wird Zeit, dass du dich mit liebenden Augen siehst. Du bist ein Diamant. Freue dich daran und lass die Welt teilhaben.
Beziehung
Während Liebe bedingungslos ist und von der Möglichkeit lebt, von der Möglichkeit, dass du die beste Version von dir wirst, ist Beziehung im Hier und Jetzt. Die Brücke zwischen den Herzen von zwei Menschen.
Beziehungen basieren auf dem Versprechen und der Annahme, dass ich mich dir immer zuwenden werde. Hingabe bedeutet, dass mir deine Bedürfnisse genauso wichtig sind, wie meine Bedürfnisse. Und umgekehrt genauso.
Wenn ich aus einer Welt der enttäuschten Nähe komme, dann versetzt mich schon der Gedanke an Hingabe, an einen Kontakt, indem ich die Kontrolle, meine Mauern, Rüstungen, meinen Schutz aufgebe, in Panik.
Solange wir die Schutzlosigkeit sehen, haben wir unser Gefängnis noch nicht verstanden. Das ist dann der erste Perspektivwechsel. Das zweite ist, dass du deine echte Stärke begreifen kannst.
Denn Verletzlichkeit heißt nur, dass ich so stark bin, so in meiner Identität, in meinem Diamanten, dass ich mich zeigen kann.
Deswegen bedeutet Beziehungsunfähigkeit auch nur: Ich habe es noch nicht gelernt! Das ist keine Fehlfunktion, sondern ein fehlender Skill, eine erlernbare Fähigkeit, der wie alles andere gelernt werden kann.
Ob ihr es mit einer Sprache vergleicht oder einer Übung zum Muskelaufbau ist egal. Wichtig ist, dass ihr es als etwas Gestaltbares seht. Beziehungsfähigkeit als „Skill-Entwicklung“. Wie alle Deep Soft Skills wurden die bei uns allen vernachlässigt. Wir mussten (im Außen) immer so tun, als ob wir alles könnten.
Doch angefangen bei der internen emotionalen Regulierung haben wir nie Vorbilder und Anleitung gehabt. Wir haben Schnulli und Essen bekommen, um uns abzulenken. Später dann Druck, damit wir funktionieren. Statt der internen emotionalen Regulierung flüchten wir alle in unzählige Formen von externer emotionaler Regulierung.
Liebe ist der erste Schritt in echte Beziehungsfähigkeit. Weniger Ersatz. Weniger Urteil. Weniger Flucht.
Mehr Liebe. Mehr Wahrheit. Mehr Nähe.
Schritt für Schritt schaffst du das.
Next Step
Das war jetzt gerade mal die Oberfläche, wenn die tiefer eintauchen möchtest, gibt es noch das WhitePaper.
Und noch mehr Blogs, die dir helfen können: Schokokeks, “Hamsterrad”, Minderwertigkeits-Gefühl, Beziehungs-Typen verstehen, Die drei tiefen Wahrheiten, Warum niemand erwachsen ist.

Leave a Reply