Jetzt sind wir Experten für Avoidance. Und deswegen schauen wir es uns tiefer an. Machen wir uns mal ein Bild vom Innenleben. Und noch ein wenig detaillierter, als beim Hamsterrad.

Figure 1: So sehen harmonische (symmetrische) Kontakte aus. Entweder gleiche Oberflächlichkeit oder gleiche Tiefe auf beiden Seiten.
Unser Modell ist jetzt ein einfaches Schalen-Modell. Eine Zwiebel. Und es geht um einfache Schichten: wie zeige ich mich öffentlich, was ist persönlich, mein privater Anteil, echtes Vertrauen und dann mein Kern, meine Identität.

Figure 2: Hier sehen wir die persönliche Wahrnehmungsgrenze als den grauen Kringel. Bis dahin ist alles okay.
Bei jedem Kontakt geht es um Wahrnehmung. Ich möchte gesehen, gehört, verstanden und berührt werden. Und dazu gehört auch das „ich möchte, dass du fühlst, wie ich mich fühle“. Das ist ein Teil vom Verstehen. Ich kann dich nur verstehen, wenn ich dich auch fühlen kann. Wenn ich authentisch bin und stimmig, dann zeige ich mich stimmig über alle Schichten. Ich bin sichtbar für dich, aber auch für mich selbst.
Wie wir aber gelernt haben, ist das nur bei 2% der Menschen so. Die anderen haben einen gewissen Punkt, unter den schauen sie selbst nicht und unter den soll auch niemand anderes schauen.
Und jetzt kommen wir an den Punkt, der unsere Avoidance triggert. Wir treffen jemand, der tiefer in uns hineinschaut. Nicht um uns zu ärgern, auch nicht um uns Angst zu machen oder zu verletzen. Im Gegenteil. Das sind Menschen, die einfach gut sehen können.
Und wir sehen die Grenze hier im Bild als grauen Kringel, ab im echten Leben ist es nicht so. Die Grenze, die wir für uns und andere ziehen ist ja unsichtbar. Selbst wir sehen sie nicht als Grenze. Für uns ist es einfach das Ende vom Weltbild. Mehr existiert einfach nicht. Der Rest ist verdrängt. Soll ignoriert werden.

Figure 3: Schaut jemand tiefer in mich rein, kommt es zum Konflikt. Meine Mauer, mein Schutz war wirkungslos, also muss ich flüchten.
Und wenn jetzt jemand – ganz selbstverständlich – tiefer geht, dann haben wir das Gefühl, dass wir überrannt wurden. Wir haben ja unsere ganzen Mauern, Masken, Fassaden, Rollen als Schutz, Ablenkung, Tarnung, damit uns niemand zu nahe kommt. Damit niemand zu tief geht.
Und das hat ja auch wunderbar funktioniert. Bisher. Und plötzlich steht jemand hinter der Mauer. Da wo wir selbst nicht hingehen.
Und irgendwie finden wir es schön, weil es eben eine Form von gesehen, gehört, verstanden und berührt werden ist, die wir sonst nicht kennen und uns schon immer danach gesehnt haben. Aber es ist auch so fremd und nah, dass es eben Panik und alle Schutz und Fluchtreflexe auslöst.

Figure 4: Oft sehen wir andere besser, obwohl wir bei uns selbst immer noch blind sind.
Jetzt kommen wir noch zu einer wichtigen Sache. Viele Menschen können leichter in andere hineinschauen, als in sich selbst. Wenn wir immer wieder die Flucht in anderen triggern, dann haben wir vermutlich selbst noch eine Flucht in uns. Denn letztlich können wir der Symmetrie vertrauen. Es ist zumindest wahrscheinlicher, dass die Symmetrie in unserem Leben stimmt – und andere Menschen unser Spiegel sind – als dass wir unsere innere Blindheit kennen.
Denn wenn ich selbst nicht mehr avoidant bin, dann werde ich den Schmerz und die Schutzschichten des anderen besser sehen. Vorher bringt mein Diamant den anderen Diamanten zum Leuchten – was für beide schön ist – aber ich mache es mehr aus meiner Sehnsucht nach Verbundenheit, statt für den anderen.

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