Stray Cats — die heimlichen Helden (Stray Cat Model 4)

Die ersten Teile der Serie (Achtung Katze – bitte nicht füttern (Stray-Cat-Model 1), Woran du merkst, dass du fütterst (Stray-Cat-Model 2), Die 10 Superkräfte für Begegnungen ohne Selbstverlust (Stray-Cat-Model 3)) waren ja mehr für den Umgang mit “Stray Cats” geschrieben. Das konnte den Eindruck erwecken, dass Stray Cats ein Problem sind. Aber das Gegenteil ist wahr.

Stray Cats sind meine Helden.

Wir hatten bereits einige Einblicke in das Thema streunende Katzen. Das ist nur ein niedliches Bild für vermeidende Menschen (Avoidants). Vermeidende Menschen sind diejenigen, die dich „ghostet“ oder auf andere Weise verschwinden.

Während wir uns zunächst damit befassten, warum wir sie nicht füttern sollten, ging es im zweiten Teil darum, was wir falsch machen. Oder falsch machen können. Meistens lieben co-abhängige Menschen streunende Katzen. Und obwohl es sich für beide irgendwie gut anfühlt, wird es den Schmerz nur noch vertiefen.

Beide Seiten stecken in Traumazyklen fest. Und der Weg da raus ist wahre (bedingungslose) Liebe.

Während Vermeidung und vor allem Ghosting also nichts Schönes sind, sind streunende Katzen echte Helden. Helden in der Verzweiflung, was der Grund dafür ist, dass sie beschissene Dinge tun, aber dennoch Helden sind.

Sie sind Reisende zwischen den Welten. Sie sind diejenigen, die ihre Weltanschauung ändern wollen. Und dafür muss man mutig sein!

Aber wenn sie die Helden sind, wer ist dann bitte der Bösewicht?

Trauma: Unser universelle Bösewicht

Wir kommen auf die Welt und haben das Potenzial für 100% Sicherheit. Während Babys das auch noch zugebilligt wird, geht es schon früh, vielleicht ab 3 Jahren, darum, dass wir uns auf die echte Welt vorbereiten müssen. Der Ernst des Lebens. Das Leben ist kein Wunschkonzert, Ponyhof, Zuckerschlecken. Also besser eine frühe Enttäuschung, als von einer schönen Welt zu träumen. Hier findet schon die grundlegende Übertragung des Weltbildes zwischen den Generationen statt.

Erziehungsziel: Am besten hart werden. Dann verträgt man was und überlebt.

Das ist lieb gemeint. Es ist eben das Maximum an Liebe (und Weltbild), was diese Eltern kennen und sich vorstellen können.

Wenn wir über Missbrauch reden, dann ist es die Verletzung der Grundbedürfnisse. Die Verletzung der Sicherheit ist immer davon betroffen.

Interessant ist, dass nur ca. 10% des Missbrauchs durch Übergriff (egal in welchem Bereich) entsteht. Die viel größeren 90% sind Vorenthalten.

Wie beim Essen: Ich kann jemanden mästen oder verhungern lassen. Dazwischen ist die Selbstbestimmung. Und emotionales verhungern lassen ist üblich. Nicht weil es böse gemeint ist, sondern weil die Eltern (oder wer immer in der Position ist), es selbst nicht anders kennen.

Dann gibt es auch noch das Über-Beschützten oder Kontrollieren. Eltern die alles von ihren Kindern fernhalten, bis sie 23 sind. Die wachsen in einem Weltbild von Entitlement und Princess Treatment auf. Also 100% Ponyhof, aber keine Sicherheit, weil Schutz aus der Angst kommt.

Allen fehlt Sicherheit. Sie starten mit dem Potenzial zur Sicherheit, aber das wird nicht gefördert oder entwickelt. Es wird sogar aktiv zurück gebaut. Das machen die Eltern in bester Absicht. Denn wir übertragen unser Weltbild automatisch auf die Kinder.

Mein Weltbild ist die obere Schranke, die ich für möglich halte.

Damit haben wir ein gutes Bild für Trauma: Trauma bedeutet, dass Gefahr in den als sicher definierten Bereich gebracht wurde.

Umgang mit Trauma

Um jetzt mit Unsicherheit besser umzugehen, nehmen wir eine einfache Skala von 0 bis 10, oder eben von 0 bis 100%.

Sind wir im Trauma gefangen, dann ist alles von 10 bis 6 weg. Das gibt es bei mir nicht mehr. Genau dort, wo ich sicher sein sollte, gibt es keine Sicherheit mehr. Wie das genau passiert, also wie die Sicherheit entzogen und zerstört wird, ist völlig egal. Ob aktiv Gefahr erlebt wird, ob Unsicherheit durch Schutz-Mechanismen erzeugt wird, oder ob Sicherheit einfach vorenthalten wird. Das Ergebnis ist immer dasselbe.

Coping bedeutet: Komfortable in der Gefahr (Angst/Schmerz/Enttäuschung). Das kann auch das Faken von Sicherheit sein. Wir sind auf Stufe 3, aber tun so als hätten wir Stufe 7. Wir können Sicherheit nicht denken, tun aber gleichzeitig so, als hätten wir sie. Imitation. Wir spielen im Außen, was im Innen fehlt. Daraus ergibt sich auch die Definition von Kultur:

Kultur ist die Menge der impliziten gemeinsamen Werkzeuge und Muster,
für den Umgang mit emotionaler Unsicherheit.

Healing bedeutet, dass ich versuche Sicherheit stufenweise zurückzugewinnen. Wenn wir an anderer Stelle über die Stray-Cats (also das ganze Avoidance-Thema) reden, dann geht es um Sicherheit. Die einen wollen in der Unsicherheit bleiben, weil sie an nichts glauben. Und zu dem Zeitpunkt ihr Werkzeugkasten für den Umgang mit der Welt schon leer ist. (Außer eben die „Kultur“.)

Die heimlichen Helden

Aber die Stray-Cats sind die heimlichen Helden. Sie kennen keine Sicherheit, aber haben trotzdem Hoffnung.

Sie haben nicht bessere Voraussetzungen als irgendjemand anderes, dennoch wollen sie ihr Leben nicht aufgeben. Sie wollen nicht verloren gehen. Sie wehren sich dass ihnen die Identität (“Hamsterrad”) oder ihr Diamant (3x Diamant) weggenommen wird.

Also machen sie sich auf den Weg. Sie geben ihren Widerstand nicht auf. Deswegen probieren sei aus. Sie wollen in kleinen Schritten ihre Sicherheit Stufe für Stufe ein klein bisschen vergrößern.

“Depression ist ein gesundes Verhalten in einer ungesunden Umgebung.”

Sie bauen Vertrauen, indem sie vorsichtig Datenpunkte sammeln. Immer zur Flucht bereit.

Auch wenn sie von außen ambivalent wirken, sind sie mutiger als (fast) alle anderen. Deswegen hier noch mal ein großes Lob für alle Stray Cats!

Dennoch der Hinweis: Eine Stray Cat ist noch im “Benutzungs-Modus”, nicht in der Beziehung angekommen. Nur weil sie mutig und Helden sind, sind sie noch nicht heile.

Das ist total wichtig zu verstehen. Ihr System und ihr Fokus, sind immer noch nur sie selbst. Alles andere wird nach Nützlichkeit bewertet.

Der signifikante Unterschied ist der: Bei der Nützlichkeit geht es nicht mehr nur um Coping, sondern um die Hoffnung zum Healing.

Hürden für Stray Cats

Warum ist es denn so schwer und warum verlieren viele Stray Cats ihr Streunen, wenn sie älter werden. Oder umgekehrt: Warum streunen so viele in jungen Jahren und warum ist es so ein Drama, dass wir sie invalidieren. Denn auch streunende Katzen können aufgeben, wenn sie von allen hören “warte mal ab, bis du auch völlig resigniert (also erwachsen) bist”. Das kann einem den Mut nehmen.

Ich habe selbst viele Stray Cats gesehen, die doch irgendwann die Hoffnung verloren haben und Coping gewählt haben. Dann ist das Leben schnell verpasst.

Also was sind die Hürden? Durch die Entwicklungsphasen des Gehirns, wird das initiale Weltbild zwischen 7 bis 10/12 Jahre gebaut. Das ist für unser Bild von der Welt die wesentliche Zeit. Dann sind wir gewissermaßen erwachsen. Deswegen war die Initiation auch zu diesem Zeitpunkt.

Danach, von 12-16 Jahren, haben wir eine gute Chance für ein Update. In der Zeit sollten wir die Familie verlassen und neue Kontexte kennenlernen. Dort können wir unsere Annahmen über die Welt prüfen und aktualisieren. Da geht es nur um Korrektur und Aktualisierung, nicht darum, dass wir die Welt völlig auf den Kopf stellen.

Der tiefe Zweck ist, dass wir unsere neue Perspektive in die Gesellschaft einbringen können. Denn jede Generation hat einen neuen Startpunkt und kann so Traditionen “entrümpeln”. Es kann weg, was nicht mehr stimmig ist. Genauso brauchen wir für manche Fragen neue Antworten.

Wir sehen das in Teilen immer noch: Ab dem Alter wenden sich Menschen mehr der Peer-Gruppe zu. Aber da wir in unserer Kultur in Schule und Familie gehalten werden (bis 18/20+ Jahre), verpassen wir meist die große Chance, die diese Zeit bringt. Das Verpassen gilt für jede Person, aber auch für die Gesellschaft.

Deswegen sind die meisten Stray-Cats maximal bis Mitte zwanzig unterwegs. Auch danach ist nichts unmöglich, aber es wird immer schwerer und teurer. Und da unser Gehirn Energie sparen will, werden diese Aktionen eher vermieden.

Und was jetzt?

Feiert alle Stray Cats als Helden.

Hört auf andere Menschen zu invalidieren (Denken und Fühlen), nur um euch vermeintliche Sicherheit zu geben.

Danke

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