Der größte blinde Fleck im Business: Beziehungen
Wenn wir über Business, Organisationen und Arbeit reden, haben wir einen riesigen blinden Fleck.
Und das Merkwürdige ist: Er ist nicht zufällig. Er ist eingebaut.
Er kommt aus unserem Modell. Aus unserem Weltbild. Und dieses Weltbild ist so normal geworden, dass es in unseren Standards steckt, in unseren Tools, in unseren Selbstverständlichkeiten.
Wir merken gar nicht mehr, dass wir es benutzen.
Früh gelernt, nie hinterfragt
Als Kinder hören wir Sätze wie: „Vertragt euch doch mal.“ oder „Jetzt entschuldigt euch einfach.“
Als wäre Beziehung etwas, das man mit einem Ritual reparieren kann. Ein Satz. Eine Geste. Abgehakt und fertig.
Aber so funktionieren wir nicht. Im Gegenteil. Wird etwas nur zugedeckt und nicht gelöst, bleibt die Beziehung beschädigt – nur unsichtbarer. Und genau dieses Denken schleppen wir später mit ins Arbeitsleben.
Knoten und Kanten – oder: Warum wir falsch hinschauen
In der Graphentheorie besteht ein System aus Knoten und Kanten.
Elemente – und Verbindungen zwischen ihnen.
Organisationen schauen fast ausschließlich auf die Knoten:
- Wie viele Mitarbeitende?
- Welche Rollen?
- Welche Kompetenzen?
- Wer ist anwesend?
Manchmal berücksichtigen wir noch grobe Zahlen zur Vernetzung – Stichwort Robin Dunbar – um zu verstehen, wie viele stabile Beziehungen ein Mensch überhaupt halten kann.
Aber selbst dann bleibt der Fokus falsch. Denn: Ein Netzwerk mit perfekten Knoten, aber ohne Kanten, ist tot.
Stell dir ein Gehirn vor, das alle Neuronen hat – aber keine Synapsen. Wir wären nicht nur ineffizient. Wir wären dumm.
Intelligenz liegt nicht in der Anzahl oder Qualität der Knoten. Sie liegt in der Vernetzung.
Bei Menschen. Und bei Organisationen.
„People don’t leave companies, they leave bosses“ – fast richtig, aber zu kurz
Der Satz klingt gut. Er stimmt auch ein Stück weit.
Denn das ist doch die Story hinter den “CxO”: Offiziere gegen einfache Soldaten? Adel gegen Bauern?
Und der Offiziers-Kodex macht die Trennung noch größer: Offiziere halten zusammen, egal was kommt. Zumindest gegen die Soldaten. Untereinander kann man sich schon mal eine Falle stellen um den besseren Job zu bekommen.
Doch zurück zu den Menschen: Menschen verlassen selten nur ihren Chef. Sie gehen, wenn sie keine Anker mehr haben.
Und diese Anker sind Beziehungen. Gute Beziehungen halten Menschen. Aber – und das ist unbequem – auch schlechte.
Manchmal halten Menschen einen miserablen Boss aus, weil sie sich gegen ihn verbünden. Weil aus dem gemeinsamen Leid Gemeinschaft entsteht. Billig, dysfunktional, aber stabil.
Beziehung ist Beziehung – auch wenn sie aus Schmerz besteht. Genauer gesagt:
Wir bleiben dort, wo Beziehungen zu unserem Schmerz-Bedarf passen.
Das gilt für Liebe. Und genauso für Organisationen.
Was wir messen – und was nicht
HR-Tools kennen einige Anker sehr gut: Geld, Status, Karriere, Benefits (Auto, Kantine, Fitnessstudio, Büro), spannende Themen
Das ist der rationale Bereich. Sichtbar. Messbar. Standardisiert.
Was wir kaum erfassen, ist der emotionale Bereich (unser Limbi): emotionale Sicherheit, Vertrauen, Zugehörigkeit, Resonanz, echte Verbundenheit
Dabei sind es genau diese Anker, die langfristig tragen – oder eben zerstören.
Puppenspieler-Organisationen und alte Muster
Schauen wir auf sogenannte „Puppenspieler-Organisationen“ (Organisationen mit einer ausgeprägten Befehlskette), sehen wir kein neues Phänomen. Wir kennen dieses Bild seit der Schule. Von Autoritäten, die ziehen, während andere tanzen.
Und wir haben es in unsere professionellen Standards eingebaut. ISO 9001, 12207, 15288, 330xx, 27001, 50001, …
Ob Qualitätsmanagement, Prozessmodelle oder Reifegradmodelle – fast überall liegt implizit dasselbe Menschenbild darunter:
- Menschen als austauschbare Knoten
- Anweisungen kommen von oben
- Anwesenheit = Leistung
Beziehung? Kommt nicht vor.
Die eigentliche Intelligenz sitzt zwischen uns
Noch einmal zurück zum Gehirn.
Ohne limbisches System wäre der Neokortex zwar aktiv – aber überwiegend mit Selbstschutz beschäftigt. Analyse. Kontrolle. Verteidigung.

Schätzungen gehen davon aus, dass ohne emotionale Einbettung vielleicht 20 % der kognitiven Kapazität sinnvoll nutzbar sind.
Und genau diese 20 % halten wir in traditionellen Organisationen für 100 %.
Das ist unsere Messlatte geworden. Unser „High Performance“. Der Rest – das, was durch Vertrauen, Sicherheit und Verbundenheit freigesetzt würde – bleibt unsichtbar. Unvorstellbar. Nicht messbar. Also irrelevant.
Beziehungen sind nicht gleich Beziehungen
Ein wichtiger Punkt: Die bloße Existenz einer Beziehung sagt nichts über ihre Qualität aus. Wenn ein Gecko eine Fliege frisst, haben die auch eine „Beziehung“. Für den Gecko super. Für die Fliege eher nicht.
Deshalb müssen wir immer zwei Fragen stellen:
- Gibt es eine Beziehung?
- Und welche Qualität hat sie – für beide Seiten?
Zehn Beziehungsmodi, die wir in Organisationen finden
Wenn wir genau hinschauen, begegnen uns immer wieder dieselben Muster:
1. Fressfeinde
Position sichern. Stören eliminieren. Angstgetrieben. Status als Wertquelle.
→ reiner Überlebensmodus.
2. Schützengräben & Silos
„Wir gegen die.“ Ersatz für echte Sicherheit.
→ Rückzug statt Angriff.
3. Waffenstillstand
Resignation. Autopilot. Dienst nach Vorschrift.
→ innerlich gekündigt.
4. Frenemies
Höflicher Krieg. Professionalität als Maske.
→ Anpassung statt Ehrlichkeit.
5. Zweckbündnis
Politik. Gemeinsame Ziele gegen größere Bedrohungen.
→ Kooperation aus Angst.
6. Kollegiale Bekanntschaft
Egozentriert. Andere sind nützlich, nicht wichtig.
→ Nett, aber leer.
7. Pragmatische Partner
Sachliche Zusammenarbeit. Keine akute Gefahr mehr.
→ funktional, aber vorsichtig.
8. Vertrauen & erste Gemeinschaft
Langsame Öffnung. Vorsichtiger Mut.
→ oft mehr als Menschen je erlebt haben.
9. Verbundenheit
Echte soziale Intelligenz. Rudelbildung.
→ Rückkehr zu unserer eigentlichen Stärke.
10. Kollaboration
Neugier schlägt Angst. Möglichkeiten statt Bedrohung.
→ echte Verbundenheit mit maximaler kollektiver Intelligenz.
Warum unsere Systeme hier blind sind
Unsere Standards, Tools und Managementmodelle sehen diese Ebenen nicht.
Sie können sie nicht sehen, weil ihr Weltbild sie nicht vorsieht.
Sie zählen Knoten. Sie prüfen Anwesenheit. Sie messen Output. Aber sie erfassen nicht das, was Systeme wirklich intelligent macht: die Qualität der Verbindungen.
Deshalb braucht es etwas anderes
Wir brauchen keine neuen Motivationsprogramme. Keine weichgespülten Werteplakate. Keine weiteren KPIs.
Was fehlt, ist etwas viel Einfacheres – und viel Unbequemeres: Ein expliziter Blick auf Beziehungen. Auf ihre Qualität. Auf ihre Verteilung.
Denn erst dort entscheidet sich, ob ein System nur funktioniert – oder ob es wirklich lebendig und klug wird.
Notiz: Die 70% im Titel sind nur bildlich. Eigentlich ist es mehr. Es soll nur zeigen, dass es nicht ein blinder Fleck ist, sondern wir mehr nicht sehen, als das wir sehen. Wir haben unser Weltbild so vereinfacht, dass wir Menschen nur als Maschinen übrig bleiben.
Zumindest alle anderen Menschen. Wir sehen uns manchmal mit Wünschen und Bedürfnissen. Andere Menschen dürfen dem dienen.

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